Goldener Schnitt und Laufwege - Schülerinnenakademie an St. Michael
Erste Schülerinnenakademie am Gymnasium St. Michael (18. und 19. Juni 2010)
Zur ersten Schülerinnenakademie am Gymnasium St. Michael trafen sich an einem Juni-Wochenende rund 20 Schülerinnen der Jahrgänge 11 und 12. Die Schülerinnen, die überdurchschnittliche Leistungen in der Schule erbringen, hörten an beiden Tagen spannende Referate von acht Mitgliedern des Lehrerkollegiums. Die interessanten und lehrreichen Vorträge gingen jeweils weit über das eigene Fach hinaus und beleuchteten ein breites interdisziplinäres Themenspektrum.
Andreas Kolle, Initiator der Akademie, erläuterte zu Beginn den Sinn von Zusatzangeboten für Schülerinnen, denen das Lernen leicht fällt. Exzellente Leistungen dürften keine negativen Affekte hervorrufen. Man solle sich nicht als gut und als herausgehoben fühlen, aber man dürfe schon gut oder auch sehr gut sein. Dabei gelte der Grundsatz, immer weiter an sich und seiner Persönlichkeit zu arbeiten. Dies sei der theoretische Grundgedanke der Akademie: spannende Zusatzangebote für leistungsstarke Schülerinnen zu schaffen, um sie in ihrer produktiven Neugier positiv zu fördern. Auf Platon, den großen griechischen Philosophen und Sokrates-Schüler, gehe historisch die erste Akademiegründung in Athen um 387 v. Chr. zurück. Er habe die Unvernunft der politischen Welt im sizilianischen Syrakus kennengelernt und daraus die Schlussfolgerung gezogen: Das einzige Mittel gegen Brutalität und Terror seien Aufklärung und Bildung, das gesellige Gespräch. An dieses gesellige Gespräch wolle die Schülerinnenakademie St. Michael anknüpfen.
Hartmut Mecke, ehemaliger Schulleiter des Gymnasiums, referierte über „Das Tagebuch als literarische Gattung – gestern und heute“. Zu Beginn seines Vortrags schilderte er den Schülerinnen die lange Tradition des Tagebuchschreibens über die vergangenen Jahrhunderte. Er hatte aus seiner privaten Bibliothek zahlreiche Werke mitgebracht, um den Schülerinnen gelungene Tagebücher aus allen Epochen der Geschichte vorzustellen. Den Schwerpunkt legte er dabei auf Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus. Das berühmteste Tagebuch aus dieser Zeit ist allen als „Das Tagebuch der Anne Frank“ bekannt. Ebenso verwies Herr Mecke als Dokumente der Kriegszeit auf die lesenswerten Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer oder auf die Erinnerungen der französischen Jüdin Hélène Berr. Sie hielt ihre Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus in einem Tagebuch fest, das in Frankreich mittlerweile als eines der bedeutendsten Zeugnisse aus der Zeit der Shoah gilt. Hélène Berr starb, geschwächt durch eine Typhuserkrankung und Misshandlung, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers im KZ Bergen-Belsen, wohin sie evakuiert worden war. Das Tagebuch fungiert als Seelentröster in schweren Kriegsjahren. Wie Herr Mecke mit Blick auf Max Frisch zitierte: „Das Tagebuch ist Notwehr: der Versuch, mit dem Leben fertig zu werden.“
Anschließend führte Ansgar Loick die Schülerinnen in die Welt der Kryptologie ein und zeigte ihnen mit Hilfe einer Powerpointpräsentation, wie man Nachrichten verschicken kann, ohne dass sie jemand lesen kann, der nicht über das System der Verschlüsselung informiert ist. „Enigma“, so hieß die Verschlüsselungsmaschine, die im Zweiten Weltkrieg im Nachrichtenverkehr des deutschen Militärs verwendet wurde. Verschiedene Bücher und Filme zeigen die Anstrengung des britischen Geheimdienstes, deutsche Funksprüche zu knacken.
Manuel Koch stellte das Thema seiner Dissertation vor, die sich mit der Wanderung der Westgoten befasst. Er erklärte die Geschichte dieses Volkes und definierte gleichzeitig, wie unterschiedlich Menschen ihre Herkunft interpretieren können, wenn zum Beispiel ein deutscher Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln sagen kann: „Ich bin 100 Prozent Deutscher, aber auch 100 Prozent Brasilianer.“ Daraus ergab sich eine kontroverse Diskussion, wie die einzelnen Schülerinnen selber zu ihrer Herkunft stehen.
Werner Radtke beendete den ersten Tag der Akademie mit seinem Vortrag: „Barack Obama - winner of the Nobel Prize for Peace, yet still a wartime president". Selbstverständlich hielt er seinen Vortrag in englischer Sprache. Er listete zahlreiche Herausforderungen auf, vor denen die amerikanische Politik derzeit stehe, an erster Stelle in Afghanistan. Zugleich erläuterte er, wie rhetorisch brillant Obama auf die Verleihung des Nobelpreises reagiert habe. Fragen und Beiträge formulierten die Schülerinnen in einem gekonnten Englisch.
Maria Mehlich brachte den Schülerinnen auf sehr instruktive Weise am Anfang des zweiten Akademietages den „Goldenen Schnitt“ näher und unterstrich die Thesen ihres Vortrags mit zahlreichen Bildern und Folien, um zu zeigen, wo der „Goldene Schnitt" überall Verwendung findet. Menschen empfinden Gebäude oder Kunstwerke, die nach der Formel des „Goldenen Schnitts“ komponiert wurden, als ästhetisch schön, wie z. B. den Dom von Florenz oder den „David“ von Michelangelo. Selbst in der Natur lässt sich der „Goldene Schnitt“ bei der Samenanordnung von Sonnenblumen finden. Maria Mehlich weckte mit ihrem informativen Vortrag die Aufmerksamkeit der Schülerinnen für mathematisch-ästhetische Voraussetzungen von menschlicher Wahrnehmung.
Das Referat „Religiöse Gottesbilder“ von Sr. M. Veronika ging anhand von Anschauungsmaterial aus dem Unterricht der Frage nach, wie junge Menschen Gottesbilder formen. Dabei ergaben sich markante Entwicklungsschübe: von anthropologisierenden Gottesvorstellungen kleinerer Kinder (Gott wird wie ein menschliches Wesen aufgefasst) bis hin zu reflektierten Glaubensvorstellungen der Jugendlichen. Sr. Veronika vereinte in ihrem Vortrag ihre beiden Fachgebiete Religion und Pädagogik und zeigte nebenbei auch, wie geschlechtsspezifisch die Glaubensvorstellungen von Kindern sind. Es schloss sich eine angeregte Diskussion an.
„Wer sich mit der Verwaltung beschäftigt, muss entweder ein Narr, ein Philister oder ein Schelm sein.“ Goethes scharfe Abrechnung mit der Berufsarbeit der Verwaltung stand im Zentrum des Vortrags von Andreas Kolle über die Italienreise 1786-1788. Der Dichter floh aus seinen zahlreichen Verpflichtungen eines Ministers in Weimar, um sich als Künstler in Italien noch einmal neu zu erfinden. Das Ergebnis waren u. a. die Überarbeitung klassizistischer Dramen wie „Tasso“ und „Iphigenie“, das „Tagebuch der Italienischen Reise“ oder das Skandalbuch der „Römischen Elegien“. Im Anschluss an die großen Lyriker der römischen Antike, namentlich Catull, Horaz, Properz, evozieren die Elegien ohne falsche Prüderie die Freuden der Liebe. Rückblickend stellte Goethe in einem Anflug von Altersresignation fest, nach seiner Rückkehr aus Rom nie wieder recht glücklich geworden zu sein.
Die Akademie beendete Claudia Lammersen mit ihrem Vortrag „Laufen als Therapie". Sie eröffnete einen neuen Blickwinkel auf das Laufen, das nicht nur aus sportlichen Gründen betrieben wird, sondern auch eine Hilfsmöglichkeit für Menschen mit Suchtproblemen darstellt, mit ihrer Krankheit besser umzugehen. Der Mensch ist zum Laufen geboren, aber in der modernen Gesellschaft werden die meisten Tätigkeiten im Sitzen ausgeführt. Die Selbstverständlichkeit des Laufens ist mit der Mobilität der Neuzeit verloren gegangen. Die Wiederentdeckung dieser natürlichen Art der Fortbewegung gibt dem Menschen die Möglichkeit, zu sich selbst und seinem Ursprung zurückzufinden.
Es waren zwei spannende, gemeinsame Tage der Vorträge und Diskussionen, die allen Beteiligten einen Einblick in die Welt der Wissenschaften vermittelten. Am Anfang der Tagung wurde ihr experimenteller Charakter betont, am Ende waren sich alle Teilnehmer einig: Experiment gelungen! Mich persönlich hat besonders die konzentrierte geistige Atmosphäre der Akademie beeindruckt.