Gymnasium St. Michael
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Staatlich anerkannte Ersatzschule in Trägerschaft der Augustiner Chorfrauen

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Nachkriegszeitzeuge im Gymnasium St. Michael

Zeitzeuge Erich Grebe berichtet über seine Erfahrungen mit den

Speziallagern der SBZ und DDR im Gymnasium St. Michael.

Das Schicksal von Häftlingen der Konzentrationslager im zweiten Weltkrieg ist allgemein bekannt.

Doch über das Leben in diesen Lagern, die nach 1945 oft in Speziallager der SBZ und DDR umgestaltet wurden,

weiß man im Vergleich dazu wenig.

 

 

Über seine Erfahrungen in den Lagern Fünfeichen, Sachsenhausen und Bautzen zwischen 1945 und 1954 berichtete Erich Grebe den Oberstufenschülerinnen des Gymnasiums St. Michael. Das Interview wurde von dem Grundkurs Geschichte der Jahrgangsstufe 13 vorbereitet und stellvertretend für diesen von den Schülerinnen Felicitas Heumüller, Katharina Berost und Pia Ernstberger geleitet. Erich Grebe, 1924 in Mecklenburg geboren, 1942 in den Krieg eingezogen, drei Jahre später verwundet in seine Heimat zurückgekehrt, wurde 1945 von der russischen Besatzungsmacht mit der Anschuldigung gefangen genommen, er habe als Offizier Verbrechen gegen die Sowjetunion begangen. Den Fehler, denn Erich Grebe war bis zum Kriegsende einfacher Soldat, erklärt dieser sich so, dass er mit einem Oberleutnant, der zusammen mit ihm verhaftet worden war, verwechselt wurde. Einen schwachen Trost dieser Verwechslung stellte die bessere Essensration in der Offiziersbaracke im Lager Fünfeichen dar. Auf dem Marsch dorthin wurde Erich Grebe vom ersten einschneidenden Erlebnis geprägt. Mit Schrecken berichtete er, wie zusammenbrechende Häftlinge erschossen und durch unschuldige Zivilisten im Gefangenenzug ersetzt wurden. Von Fünfeichen aus, das quasi als Zwischenstation betrachtet werden kann, gelangte Erich Grebe nach seiner Verurteilung zu zwanzig Jahren Freiheitsstrafe im April 1946 in das Lager Sachsenhausen, in dem er sechs Wochen als Leichenfahrer tätig sein musste und so dem Tod besonders nahe kam. Noch heute ist ihm das Erlebnis in Erinnerung, bei dem sich ein Lagerhäftling zwischen den Toten auf dem Leichentransporter versteckte, um auf diese Weise zu fliehen. Um eine derartige Flucht ein zweites Mal zu verhindern, stießen die Aufseher von nun an vor dem Abtransport mit Eisenstangen in die Körper und ließen die Menschen somit nicht einmal im Tod in Ruhe. Eine deutsche Persönlichkeit, die man mit dem Lager Sachsenhausen in Verbindung bringt und der auch Erich Grebe dort begegnete, ist Heinrich George. Anfang 1950 wurde Erich Grebe in das Lager Bautzen verlegt, in dem er gleich in den Karzer gesperrt wurde. Die Anklage lautete, er habe mit einem verborgenen Feuerzeug das Zuchthausgebäude in Brand stecken wollen. Acht Tage musste er nun in der dunklen Arrestzelle bei -12°C verharren. In Bautzen durfte er auch zum ersten Mal seit fünf Jahren Kontakt mit seiner Familie aufnehmen. In einem Brief an seinen Bruder, bat er diesen, ihm Speck zu schicken. Auch durfte er endlich Besuch empfangen. Doch als seine zwei Brüder diese Gelegenheit ergriffen und gemeinsam auf ihn warteten, hieß es plötzlich, er dürfe nur einen Bruder sprechen.

Erich Grebe sah sich gezwungen, zwischen seinen Brüdern, die er beide seit 1945 nicht gesehen hatte, wählen zu müssen. So blieb von diesem Treffen, das eigentlich neue Hoffnung hätte bringen sollen, auf beiden Seiten nur Enttäuschung. Als einziger Lichtblick in der dunklen Zeit dienten damals nur die Schachturniere, die die einzelnen Blöcke in Bautzen untereinander veranstalteten. So lernte Erich Grebe während seiner Gefangenschaft Schachspielen. Weiterhin erleichterten ihm Stickarbeiten den Alltag. Besonders half ihm jedoch die Bekannt – und Freundschaft mit dem Mithäftling Richard Schröder. Als er diesen jedoch nach seiner Freilassung besuchen wollte, musste er leider erfahren, dass Richard Schröder als Mitglied der KGU (Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit) von der Stasi in die DDR verschleppt worden war und wahrscheinlich in Leipzig ums Leben kam. Nach einer weiteren Verlegung, diesmal in das Zuchthaus Torgau, in dem Erich Grebe wegen seiner Verweigerung Tarnnetze herzustellen, noch einmal bestraft wurde, fand die Zeit des Leidens am 19. Januar 1954 mit seiner Entlassung und der Ankunft im Auffanglager Friedland im Westen offiziell ein Ende. Vom Bruder abgeholt und in dessen Wohnort Warburg von Rufposten in Empfang genommen, von Familie und Schulfreunden begrüßt, begann für Erich Grebe ein Leben in Freiheit – äußerlich jedenfalls, innerlich ist er auch heute noch in seinen Erinnerungen gefangen. Zurückblickend fragt sich Erich Grebe oft, wie sich sein Leben entwickelt hätte, wenn er gleich nach seiner Verhaftung hätte fliehen können, wenn er sich die ganze Leidensodyssee hätte ersparen können, wenn ... er jetzt nicht jede Nacht vor dem Einschlafen von den Erinnerungen aufgewühlt und gequält würde. In sein Heimatdorf kehrte Erich Grebe niemals zurück: erstens, weil er es einfach nicht ertragen konnte und zweitens, da er fürchtete von der Stasi „einkassiert“ zu werden. Sein Verhältnis zu Russland ist bis heute gespalten. Das Lager Sachsenhausen besuchte er bereits dreimal als Gedenkstätte und hat vor, diese Tradition weiterzuführen, solange es seine Gesundheit zulässt.Seit 1990 ist Erich Grebe Mitglied der VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) und versucht als solches seine Erfahrungen in die Nachwelt zu tragen und nachfolgenden Generationen vor Augen zu führen, so wie er es bei den Schülerinnen im Gymnasium St. Michael getan hat.Während des Interviews war bei vielen zu beobachten, dass auch sie mit den Tränen kämpfen mussten, wenn Erich Grebe mühsam versuchte seinen Kummer zu unterdrücken.So danken wir Erich Grebe, dass er uns trotz Schmerz und Überwindung, die ihm dieses Gespräch gekostet haben, an seinen Erinnerungen und Erfahrungen hat teilnehmen lassen und können anderen Schulen und Menschen nur ans Herz legen, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen, da nicht vergessen werden sollte, dass die Geschichte der Lager nicht gleichzeitig mit dem zweiten Weltkrieg und dem Niedergang des Nationalsozialismus endete.

für das Gymnasium St. Michael

Text: Lara Döding

Fotos: Britta Brookes